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Was bisher geschah 2/4

Tschüss Papa

Die Situation nach dem Tod meiner Mutter war sicherlich nicht einfach. Nicht für mich, für meine beiden jüngeren Geschwister und natürlich auch nicht für meinen Vater. Drei Kinder alleine aufzuziehen kann einem auf Dauer psychisch fertig machen, vor allem, wenn man auch noch genügend andere Dinge um die Ohren hat.

Ein roter Faden

Schon zu Mamas Lebzeiten gab es des öfteren Komplikationen. Ich erinnere mich daran, als meine Mutter mich mal fragte, ob es in Ordnung sei, wenn sie sich von Papa scheiden lassen würde. Die Liebe war wohl stark genug um zusammen zu bleiben. Auch gab es ab und an mal leichte Prügel. Heutzutage versuchen viele ihr Kind gewaltfrei aufzuziehen. Naja... wenn du einen frechen Burschen wie mich als Kind vor dir stehen hast, dann ist der Klaps, selbst aus meiner Sicht, nachvollziehbar. Früher wurden die Kinder sogar auch mal mit dem Gürtel bestraft. Diese Kinder versuchen es bei ihren Kindern oft besser zu machen. Mein Vater jedenfalls tat sein bestes.

 

Mit meiner Mutter ging auch eine schützende Hand. Einige Male bewahrte sie mich vor größerem Übel. Einige Jahre ging das mit mir und meinem Vater noch gut. Zu diesem Zeitpunkt stellten sich meine Geschwister eher auf die Seite meines Vaters. Ich war halt der freche Junge, der eine gewisse Ungerechtigkeit verspürte. Jahre später lernten auch meine Geschwister Papas Frust kennen und wie er sie raus ließ. Nicht mit physischer Gewalt. Er hatte als Hausinhaber eine Machtstellung die er als Druckmittel ausnutzte. Wann immer es nicht nach seinem Willen ging, dann wurde er zickig und drohte mit Konsequenzen. Dieser Faden zog sich von meiner Kindheit bis zur Gegenwart. Mittlerweile ist mein Vater ein Tick gelassener und vielleicht versucht er sich tatsächlich zu bessern, oder das Alter lässt Ihn Weise werden, aber dieser rote Faden zog sich eine ganze Zeit lang durch.

Der Faden und die Schere

Zum roten Faden gehörte auch die Eigenschaft immer nur zu drohen und nicht den Worten Taten folgen zu lassen. Doch dann wurde mein Vater konsequent als ich eines Abends nach Hause kam. Mein Freundeskreis und ich wollten aus dem Stall einen Partyraum machen. Das war soweit auch mit meinem Vater abgesprochen. Auf einmal fehlte der Schlüssel und mein Vater gab an, nicht zu wissen wo der Schlüssel sei. Als wir dann mit der Flex das Vorhängeschloss aufmachen wollten, rückte er den Schlüssel raus.

 

Wir brachten den ganzen Müll weg und räumten den Stall grob auf. Als ich wieder kam stellte mich mein Vater zur Rede. Ich würde seine ganzen Sachen einfach wegschmeißen. Wichtige Unterlagen, wertvolle Gegenstände, alles weg. Ich bin mit ihm vorher alles durchgegangen und habe ihn jetzt nicht verstanden. Mein Vater wurde immer lauter und weil ich damals nicht wusste, wie man einem Streit entgegenwirken kann, provozierte ich ihn. Überraschenderweise drückte er mich dann gegen die Wand und drohte mir mit Schlägen. Er hatte sich immerhin noch im Griff und hat mir keine verpasst.

 

Als ich mich kurz darauf ins Bett legen wollte, machte mein Vater die Tür auf und schmiss mir einen Beutel mit blauen Säcken zu. „Morgen früh bist du hier raus!“ hieß es. Am nächsten Morgen redeten meine Geschwister auf mich ein, ich solle nochmal mit ihm sprechen, aber ich hatte selbst nicht mehr den Willen im Haus meines Vaters zu wohnen. So rief ich meine Oma mütterlicherseits an und fragte ob ich dort bald wohnen könnte. Oma und Opa mussten noch ein paar Vorbereitungen treffen, aber sie sicherten mir eine Unterkunft zu.

Mal hier mal dort

Für mich ging es dann erst zu einem Kumpel, bei dem ich übernachten konnte. Daraufhin übernachtete ich bei einem weiteren Freund, ebenfalls hier im Heimatort. Zu diesem Zeitpunkt war ich um die 19 Jahre alt und ging auf ein Fachgymnasium für Wirtschaft. Ich habe es leider nicht geschafft, meine Noten in einem akzeptablen Bereich zu halten. Von meinen Freunden aus, ging es dann zu meinem Cousin. Von dort aus konnte ich zu  meinen Großeltern. Bei ihnen wohnte ich ein paar Monate. Eine Zeit ohne Internet, aber dafür mit leckerem Essen. Naja... und vor allem sehr viel Essen und eine Zeit mit interessanten Geschichten meines Opas aus seinem Leben.

 

Ich habe viel von meinem Opa gelernt. Seine Geschichten hatten oftmals eine Moral. Er wiederholte manchmal seine Geschichten, wusste wohl nicht, welche er mir schon erzählt hatte, aber ich hörte immer wieder gespannt zu. Ich werde nie vergessen, es war kurz nach dem Tod meiner Mutter, da haben wir im Garten gearbeitet und er meinte: „Du musst das rauslassen, lass das alles raus! ALLES RAUS!“ Die Tränen liefen ihm über das Gesicht und er lies die ganze Trauer aus sich raus. Damals hatte ich das nicht so verstanden, aber vor ein paar Tagen, da sah ich sein Foto auf dem Schrank und hatte diese Erinnerung. Jetzt habe ich ihn verstanden. Schade, dass er vor ein paar Jahren verstarb.

 

Nach diesen Monaten ging es dann in meine erste eigene Wohnung. Finanziert vom Staat. Mit meinem Vater hatte ich kaum noch Kontakt, dafür mit dem Rest der Familie und mit meinen sehr guten Freunden. Die eigene Wohnung war eine wunderbare Erfahrung. Ich muss schmunzeln, wenn ich daran denke, wie ich mit einem Freund eine Matratze durch die halbe Stadt geschleppt habe. Und die Partys in der kleinen Wohnung. Wir sprechen heute noch darüber, wenn es um gemeinsame Erlebnisse unter Freunden geht. Eins habe ich in dieser Phase meines Lebens gelernt: Es geht immer weiter. Oliver Kahn hatte mit dieser Aussage in einem Interview vollkommen recht. Es ging von Haus zu Haus und von Amt zu Amt, aber egal wie aussichtslos mir das Leben erschien, am Ende ging alles positiv aus.

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