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Was bisher geschah 1/4

Im Englischen wird das Wort „dear“ als Anrede beim Briefschreiben verwendet. Es kann unter anderem mit „sehr geehrter“ oder „lieber“ übersetzt werden. Man könnte meinen, meine Worte in diesem Blog richten sich an mich. Sicherlich, wenn ich in 40 Jahren auf diese Seite schaue, dann liest sich das Ganze wie ein Tagebuch und ich kann auf all meine Erlebnisse zurückblicken. Der Grundgedanke ist aber ein anderer. Welcher? Das klären wir in der Gegenwart. Und um die Gegenwart besser zu verstehen, muss man die Vergangenheit unter die Lupe nehmen. Vier Einschnitte stechen dabei besonders heraus.

Lebewohl Mama

Wäre ich jetzt in der Schule und müsste mich vorstellen, klänge das ungefähr so: Mein Name ist Daniel Meyer. Ich bin am 16.06.1991 in Twistringen (Niedersachsen) geboren und verbrachte die meiste Zeit meines Lebens in Barnstorf, wo ich immer noch wohne. Ich bin ein überwiegend zufriedener Langzeit-Single und meine Hobbys sind zocken, Fußball, Freunde und Musik. Ich habe zwei Schwestern, ein Vater und meine Mutter ist im Jahr 2006 verstorben.

 

Zugegeben ist das eine sehr ausführliche Beschreibung für die Schule. Der letzte Satz meiner Beschreibung beinhaltet den ersten tiefen Einschnitt meines Lebens. Davor habe ich irgendwie vor mich hin gelebt. Schätzungsweise wie jedes Kind auf dem Weg zum Erwachsen werden. Keine große Gedanken an die Zukunft verschwenden, oder an das was mal war. Natürlich weinte ich, wenn es Ärger gab, weil ich zu spät nach Hause kam. Ich war frech, wenn ich Mama davon lief, weil ich noch nicht von Oma weg wollte und ich war zeitweise auch lieb beim Spielen mit meiner Schwester.

Schlechte Nachrichten

An manchen Tage kann man sich auch Jahre danach noch erinnern. Man erinnert sich an so einige Details und wie man sich gefühlt hat. Für mich stand ein Klassenausflug nach Bremen zu einer Kunstausstellung von Monet auf dem Plan. Es war früh am Morgen, als das Telefon klingelte und ich meine Oma am Hörer hatte. Meine Mutter war gerade auf der Toilette und so erzählte meine Oma mir, dass meine Uroma die Nacht über verstorben sei. Diese Botschaft konnte meine Mutter erst noch nicht so recht fassen und fragte, ob ich scherzte. Sie rief Oma wieder an und vergewisserte sich.

 

Nur selten habe ich meine Uroma gesehen und ihr Bild ist mir kaum noch im Kopf. Sie wohnte eine Zeit lang bei Oma und ich glaube danach war sie im Altersheim. Wir haben kaum ein Wort gesprochen. Für Mama sah das natürlich ein wenig anders aus. Im Auto auf dem Weg zum Bahnhof, von wo aus es nach Bremen ging, meinte Mama, es sei wohl ganz gut so. Man weiß bei solchen Aussagen immer was gemeint ist. 

Kunst

Heute nennt man mich teilweise einen Überlebenskünstler. Damals war Kunst noch ein Schulfach, welches sich ausschließlich mit Malen und Basteln auseinandersetzte. Monet war der Künstler und wir die Museumsbesucher. Tatsächlich habe ich nicht den Zugang zu gemalten Bildern. Ein Bild sagt mehr als tausend Worte, aber wenn du eine Tasse Kaffee haben möchtest, dann bitte fange nicht das Malen an. Nunja, Lyrik und Musik erreichen und ergreifen mich mehr. Geschweige dessen war ich 14 und konnte mit dem Stellenwert der Bilder nichts anfangen. Kurz gesagt, ich habe mich während der Ausstellung gelangweilt.

 

Lehrer gehen bei dieser Art von Ausflügen oftmals einen linken Deal ein (Um meine Gedankengänge mal zu veröffentlichen: Das Wort „Art“ wurde hier ganz bewusst verwendet. Ich Poet). Während die Schüler sich erst mit uninteressanten Stoff beschäftigen müssen, um dann als Belohnung in der Stadt shoppen zu dürfen, haben die Lehrer nicht nur die Kunstausstellung genossen, sondern können auch das Shoppen genießen. Ganz so ist es vielleicht nicht. Die Verantwortung belastet schon, aber ich kann mir vorstellen, wer von so einem Ausflug mehr profitiert.

 

In Bremen kaufte ich mir vier CDs. Das erste Album von Akon. Ein Greatest Hits Album von DMX. Eine Rap CD von diversen amerikanischen Newcomern und eine Zusammenstellung von WWE Wrestler Themes. In Zeiten von Apps und Streamingportalen hätte ich nichts von dem heute gekauft. Damals hat man die Kunst noch angefasst. Ja, ich weiß, die Schallplatte ist wieder beliebt und es gibt sie noch, die CD-Sammler.

Der Untergang der Titanic

Während ich hier schreibe höre ich über Kopfhörer eine Playlist von Soundtracks. Just in diesem Moment erklingt „Rose“ von James Horner. Titanic war der absolute Lieblingsfilm meiner Mutter. Ich hörte, sie soll ihn einige Male im Kino gesehen haben. Mir schwirrt die Zahl 13 im Kopf. Ob das der Wahrheit entspricht kann ich nicht sagen. Und während ich immer auf die Stelle gewartet habe, wo der Mann vom Schiff fällt und dabei gegen die Schiffsschraube knallt, war Mama zum Ende hin immer sehr traurig. Ich würde gerne noch einmal Titanic mit ihr gucken. Ganz gewiss würde ich nun am Ende mit ihr heulen.

 

Ein paar Tränen verließen meine Drüsen auch während der Zugfahrt nach Hause. So sehr kannte ich sie dann doch, dass der Verlust meiner Uroma leicht schmerzte. Angekommen in Barnstorf wartete ich auf meine Mutter. Sie sollte mich wie versprochen abholen, doch sie kam nicht. Ich rief Zuhause an, doch niemand ging ran. Mama hatte mich schon zwei, drei Mal vergessen, deshalb war ich sauer und lief zu Fuß. Angekommen suchte ich sie. Schlussendlich fand ich sie hinter dem Küchentisch liegend. Ich wusste sofort das es ernst ist. Ich fühlte am Hals nach ihrem Puls, aber die Suche kann sehr verzweifelt sein, wenn kein Puls mehr vorhanden ist. Ich rannte zum Telefon und rief den Notarzt. Danach legte ich eine Decke um Mama und begann das Warten.

 

Mein Vater und der Notarzt kamen fast zeitgleich. Ich hörte noch meinen Vater „Exitus“ sagen, ehe ich ein Zimmer weiter rannte und heulte. Man will das irgendwie nicht wahrhaben. Über die Titanic sagte man, sie sei unsinkbar. Mit 14 Jahren dachte ich, Eltern sind unsterblich. Aber die Titanic ist gesunken und meine Mutter ist gestorben.

 

Beim Schreiben wird es ein wenig feucht um die Augen, aber es überwiegen die positiven Gedanken. Sie war meistens fröhlich und sehr liebevoll. In ihr fand ich meine beste Freundin. Wann immer ich Hilfe im Umgang mit einer Situation brauchte, war sie für mich da. Ja, ich war ein Muttersöhnchen. Natürlich konnte sie hin und wieder wütend sein, aber den Klaps auf dem Hintern hatte ich dann auch verdient. Augenzwinkernd kann man sagen: sie war Papas bessere Hälfte. Nun... es kommt wie es kommt und man hat im Leben einiges richtig gemacht, wenn der Sohn abschließend „Danke“ sagt. 

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